Mythos ND-Filter

In diesem Beitrag möchte ich dem „Mythos“ ND-Filter auf den Grund gehen, dir erklären was es damit auf sich hat und vor allem wann und wie man diese Filter am besten einsetzt. Lass uns mit etwas einfachem Beginnen, dem Namen.

Woher kommt eigentlich der Name „Neutraldichte“ oder Graufilter?

Das ist schnell erklärt, denn der Einsatz dieser Filter hat keine Auswirkung auf die Farbdarstellung und -intensität, verhält sich in diesen Bereichen also „neutral“. Damit hätten wir schon mal die erste Bezeichnung geklärt.
Die zweite gängige Bezeichnung „Graufilter“ kommt daher, dass es diese Filter in vielen verschiedenen Abstufungen von Grau gibt.

So, jetzt hätten wir das besprochen. Vielleicht fragst du dich jetzt aber, wozu man diese Filter eigentlich überhaupt braucht. Um diese Frage zu beantworten muss ich etwas ausholen.

Wie funktioniert eigentlich ein ND-Filter?

Grundsätzlich werden ND-Filter auf das Objektiv geschraubt oder mit Hilfe einer Halterung vor das Objektiv „geschoben“. Beide Varianten zeige ich dir natürlich etwas später noch.
Der eigentliche Sinn dieser Filter ist es, das auf den Sensor fallende Licht zu reduzieren und damit die Belichtungszeit zu verlängern. Eigentlich wie eine Sonnenbrille. Würdest du bei hellem Sonnenschein (ich stell mir gerade die Frage ob es dunklen Sonnenschein gibt, aber egal) in die Sonnen schauen, würdest du sehr schnell nur noch weiß sehen (kurz darauf vermutlich gar nichts mehr – also nicht zuhause ausprobieren…). Die Sonnenbrille würde es dir ermöglichen länger etwas zu sehen.
Und genau diese Zeit ist es, die wir beim Fotografieren durch ND-Filtern verlängern wollen.
Würdest du ein Foto ohne ND-Filter bei Tageslicht beispielsweise 10 Sekunden belichten wäre es auch nur noch weiß. Hier kommen die ND Filter ins Spiel. Je nach Dichte sorgen die dafür das es für die Kamera immer dunkler wird und sich dadurch die Belichtungszeit für ein korrekt belichtetes Bild deutlich verlängert.

Warum aber könnten wir bei Sonnenschein 10 Sekunden oder länger belichten wollen? Naja, du hast sicher schon oft Fotos gesehen auf denen das Wasser eines Flusses oder Wasserfalls ganz weich und seidig aussieht, oder!? Genau und dieser Effekt entsteht durch lange Belichtungszeiten. Das geht aber nicht einfach so, denn – wie gesagt – 10 Sekunden bei Tageslicht und das Foto wäre weiß. Also muss es dunkler werden – viel dunkler.

Aber wie dunkel?

ND-Filter sind in vielen unterschiedlichen „Dichten“ oder „Grauabstufungen“ – alles eins – erhältlich. Die Angaben jedoch können ganz unterschiedlich und daher etwas verwirrend sein. Kein Problem, denn gleich weißt du Bescheid was die einzelnen Werte zu bedeuten haben.

ND-Wert

Auf machen Filtern wird der Wert in ND angegeben – zB ND2. Das bedeutet, dass sich die Verschlusszeit (Belichtungszeit) verdoppelt, also doppelt so lange dauert. Kleines Rechenbeispiel. Würde deine Belichtungszeit ohne ND-Filter 1/60 Sekunde dauern, wäre sie nachher 1/30 Sekunde, also doppelt so lang – wohl gemerkt bei gleicher ISO und Blendeneinstellung!

Anzahl der Blendenstufen (im Englischen als Stops bezeichnet)

Ein Filter mit dem Angabe 2 Stops, also 2 Blendenstufen würde die Belichtungszeit vervierfachen. Mathematisch also 2 hoch n, wobei n der Anzahl der Stops entspricht. Auch hier wieder ein kleines Beispiel: 6 Stops entspricht also 2 hoch 6 oder auch 2x2x2x2x2x2 und das ergibt – warte, ich brauch meinen Taschenrechnen – 64. Also eine Verlängerung um das 64fache.

NDx Wert

Manchmal ist auch der NDx Wert eines Filters angegeben. Dabei handelt es sich um eine logarithmische Angabe, die erst in einen Verlängerungsfaktor umgerechnet werden muss, also ähnlich wie bei den Blendenstufen. Die Angabe NDx 2,0 bedeutet nichts anderes als 10 hoch 2, also 10×10 und – das geht ohne Taschenrechner – das ergibt dann wohl 100. In diesem Beispiel würde sich die Belichtungszeit also um das 100fache verlängern. So wird dann aus 1/100 Sekunde 1 Sekunde.

In der folgenden Tabelle hab ich dir die wichtigsten Werte in den unterschiedlichen Angaben zusammengefasst.

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Aber was bedeutet das für die Praxis?

Jetzt wo wir die wesentlichsten Theoriefragen geklärt haben, wenden wir uns dem Kern der Sache zu – dem Praxiseinsatz. Diesen werde ich dir im Folgenden Schritt für Schritt erklären.

Stativ aufbauen

Du hast vor deine Belichtungszeit zu verlängern, oder!? Klar, denn sonst würdest du keinen ND-Filter verwenden wollen. Also wird’s ohne Stativ nicht gehen.

 

Kamera aufs Stativ und Motiv einrichten

Nun steckst du deine Kamera auf das Stativ und richtest deinen Bildausschnitt ein. Mach dir noch keine Gedanken über Filter und Zeiten, sondern konzentrier dich auf die Bildkomposition.

 

Modus A oder Av wählen.

In diesem Modus wählen wir Blende und ISO und bekommen die Belichtungszeit von der Kamera geliefert – perfekt, oder!? Die ISO stellen wir gleich mal auf 100 – oder auf den niedrigsten Wert, den deine Kamera eben kann. Denn bei dieser ISO haben wir zwar die längste Belichtungszeit, aber das geringste Rauschen, also die beste Bildqualität. Und da wir ja ohnehin am Stativ arbeiten ist uns das am Wichtigsten. Die Blende wählen wir nach künstlerischen Aspekten. Soll heißen, wenn wir in zB Landschaftsaufnahmen alles scharf haben wollen wählen wir zB Blende 11, oder 13.

 

Belichtung messen

Um einen Anhaltspunkt für die Berechnung des notwendigen ND-Filters zu haben, brauchen wir die Belichtungszeit ohne Filter. Wir schauen also durch unsere Kamera, fokussieren auf unser Motiv und drücken dabei den Auslöser halb durch. Unsere Kamera zeigt uns im Sucher (oder im Display im Live-View Modus) die notwendige Belichtungszeit. Nämlich jene, die die Kamera brauchen würde um das Bild richtig zu belichten. Gut, das wollen wir nicht, aber das weiß ja unsere Kamera – noch – nicht. Jetzt müssen wir unsere kleinen grauen Zellen anstrengen und uns die drei Werte merken – ISO, Blende und vorgeschlagene Belichtungszeit.

 

Werte in den Modus M der Kamera übertragen und ein bisschen rechnen

Jetzt wechseln wir in den manuellen Modus M unserer Kamera. Dort stellen wir die gleiche Blende wie gerade vorhin ein und auch die gleiche ISO. Jetzt überlegen wir uns, welche Belichtungszeit wir uns wünschen würden und berechnen dann mit welchem Filter wir diese erreichen können.
Sagen wir mal wir unsere Kamera hätte uns 1/100 Sekunde Belichtungszeit vorgeschlagen und wir möchten 10 Sekunden belichten. Rechnerisch schaut das dann so aus. Um auf einen Sekunde zu kommen müssen wir die Belichtungszeit 100mal so lange machen. Und von 1 Sekunde auf 10 Sekunden muss die Zeit noch 10mal so lang werden. 100×10 ergibt also 1000. Ein 10 Stop Filter, ein NDx 3 Filter oder eben ein ND1000 Filter erledigen genau das.

 

Filter noch nicht aufschrauben – es gibt noch viel zu tun

Jetzt haben wir den richtigen Filter gewählt und können die Belichtungszeit im manuellen Modus auf die – in diesem Beispiel gewünschten – 10 Sekunden stellen. Doch bevor wir den Filter auf unser Objektiv schrauben gibt es noch einiges zu tun.
Du musst beachten, dass du nach dem Aufschauten eines so dunklen Graufilters nichts mehr durch deine Kamera siehst. Also muss das Fokussieren vorher passieren. Damit dann nicht mehr passiert, schalte den Fokus an deiner Kamera bzw. an deinem Objektiv auf M, also manuell. Jetzt wird deine Kamera beim Drücken des Auslösers nicht mehr fokussieren. Wenn du das alles gemacht hast, kannst du den Filter aufschrauben.

 

Abdrücken, warten und hoffen – aber halt

Stelle nun noch den Selbstauslöser ein oder verwende einen Kabel- oder Funkauslöser. Das solltest du übrigens immer tun, wenn du am Stativ fotografierst um unnötige Erschütterungen – und damit unscharfe Bilder – zu vermeiden.
Nach 10 Sekunden siehst du dein Ergebnis, ein richtig belichtetes Bild, in dem alle bewegten Objekte die nur kurz im Bild waren (kurz im Verhältnis zu den 10 Sekunden natürlich), wie zB eine Person die in einer halben Sekunde vor deiner Kamera vorbeigegangen ist, weg sind und alles was sich stetig bewegt, wie Wasser eben, ganz weich – weil eigentlich verschwommen – wirkt.

Gar nicht so schwer, oder!? Aber bevor es jetzt ans ausprobieren geht, noch ein paar Worte zu ND Filtern, die ich dir empfehlen kann und ein paar Kleinigkeiten, die dir das Rechnen bei Langzeitbelichtungen leichter machen.

 

App-Empfehlung

Unser Rechenbeispiel war einfach, aber nicht immer sind die Zahlen so schön. Damit du dir das Kopfrechnen ersparst, kann ich dir die App „NDTImer“ wärmstens empfehlen. Diese kostet knapp 2 Euro und ist definitiv ihr Geld wert! Damit kannst du übrigens sogar die Belichtungszeiten berechnen, wenn du 2 ND Filter kombinierst.

Ich hab hier für dich unser Beispiel nachgestellt und du siehst, wir haben richtig gerechnet. Auch die App kommt auf 10 Sekunden 😉

Filtervarianten

Ich kann dir hier 2 Filtersysteme empfehlen, die ich selbst verwende. Diese sind – im Verhältnis – kostengünstig und qualitativ trotzdem sehr hochwertig.

Wichtig! Achte auf den Filterdurchmesser, denn dieser muss zu deinem Objektiv passen.

HAIDA Slim Neutral Graufilter Set – auf Amazon

Vorteile:
+ günstig
+ klein
+ leicht
+ handlich
+ praktisch zum Mitnehmen

Nachteile:
– Müssen jedesmal für das Fokussieren auf- und wieder abgeschraubt werden, was ziemlich mühsam ist

Hier kann ein Magnetsystem Abhilfe schaffen, dass allerdings recht teuer ist. Meine Empfehlung ist das System von

Xume – auf Amazon

Hier brauchst du zumindest einen Magnetring für dein Objektiv und einen für deinen ND-Filter. Willst du dir das Schrauben ganz ersparen, brauchst du für jeden deiner ND-Filter einen eigenen Magnetring – das wird dann teuer…

Mein persönlicher Favorit sind aber die Einschubfilter von Heida. Diese sind – für die Tonqualität – sehr günstig. Du montierst einem den Filterhalter auf deinem Objektiv und kannst dann die Filter einfach in den Rahmen schieben – damit hat das Schrauben ein Ende!

Haida Metall Filterhalter – auf Amazon

und dann die entsprechenden Filter deiner Wahl – wie zB den hier

Haida Optical Neutral Graufilter 100 mm x 100 mm – auf Amazon

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So, jetzt viel Spaß beim Probieren.
Christian

 

Titelbild: Adobe Stock, Fotos: © Hans-Peter Köpping, Christian Iberer

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