Ein Samstag im September. Tolles Wetter,, Sonnenschein, ein paar – durchaus fotogene – Wolken am abendlichen Himmel und eine wunderbare Kulisse – die Sausaler Weinstraße im Süden der Steiermark. Es ist also alles angerichtet für spektakuläre Fotos. Sogar ein alter Ford Mustang mit offenem Verdeck hat sich am Rande der Weinberge in Pose gestellt.

(C) Thomas Fuchs

Die Technik im Griff. ISO? Blende? Kein Problem!

So geschehen am vergangenen Samstag im Kitzeck im Sulmtal beim Photowalk „Sonnenuntergang“. Während der letzten, wärmenden Sonnenstrahlen des Tages wurden bei netten Gesprächen die ersten Bilder gemacht. Das ist für mich eine der schönsten Seiten am Photowalk  – das was man gerne tut mit Menschen zu tun, die man schätzt und mit denen man gerne Zeit verbringt, fachsimpelt und Spaß hat!

Kameraeinstellungen? Kein Problem für meine Teilnehmer. Für alle eine einfache Übung. Blendenvorwahl mit einer Blende von f13. Bei Aufnahmen gegen die Sonne f22 – wegen dem Sterneffekt. ISO? 100. Das garantiert die beste Bildqualität! Und da ja ohnehin am Stativ gearbeitet wird spielt auch die Belichtungszeit eine eher untergeordnete Rolle. 

Wie erwartet sind die Bilder toll. Bei der Kulisse kein Wunder! Aber halt. Die ersten nachdenklichen Blicke machen sich unter meinen Teilnehmern breit. Warum? Gute Frage! Die einfache Antwort – es fehlt das Motiv. Gut, fehlen ist jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber das worauf ich hinaus will ist folgendes.

Wenn du den Wald vor lauter Bäumen nicht fotografieren kannst…

Stell dir vor du stehst mitten im Weinberg vor einer mehr als beeindruckenden Kulisse mit vielen Schichten an Hügeln und Bergen, Weinstöcken im Vordergrund und einem – in wundervollem Licht erstrahlenden – Himmel mit Wolken, die man schöner nicht malen könnte.

Das Bild im Kopf

Perfekt, oder!? Ja, aber vor allem für die menschliche Wahrnehmung. Kurz gesagt, wir sehen, was wir sehen wollen. Unser Hirn blendet ganz einfach alles aus was uns stört und schon – tata – sehen wir ein Panorama, das seinesgleichen sucht. Genau das macht unsere Kamera nicht – ganz im Gegenteil. Jedes störende Blatt, jedes ungünstig am Bildrand geparkte Auto leuchtet uns auf dem Display entgegen und zerstört unsere Erwartungen.

Genau das war es, was die Nachdenklichkeit in die Blicke meiner Teilnehmer gebracht hat. Das Problem dabei? Man ist vor lauter Angebot überfordert – ja gelangweilt. Und schon ist es vorbei mit den quasi einfach abzuholenden Traumfotos…

…und es wird noch schlimmer

Aber davon lassen sich meine Teilnehmer natürlich nicht entmutigen. Perspektiven und Objektive werden gewechselt, Standorte angepasst und alles an technischen Finessen ausgepackt, was der „Werkzegkoffer“ des Fotografen so hergibt. Und immer noch gilt – die Bilder sind technisch perfekt. Aber Zufriedenheit? Fehlanzeige. 

Und je näher der Sonnenuntergang rückt – umso größer wird die Unzufriedenheit. Auch das liegt auf der Hand, denn  die Bilder auf dem Display der Kamera sind eigentlich nur noch dunkel. Schwer einzuschätzen ob das was wird… 

Cool bleiben und auf das wesentliche besinnen

Da hilft nur noch eines. Cool bleiben und aufs wesentliche besinnen. Was ich damit meine? Das erklär ich dir gerne! 

Als aller Erstes ist es wichtig ruhig und besonnen zu bleiben. Übertrieben? Vielleicht! Was ich meine ist, dass schnell vor lauter Motivsuche und Objektivwechsel auf wesentliche Kleinigkeiten wie Fokussieren vergessen wird. Ein stark über- oder lange belichtetes – also helles – Foto würde jetzt helfen die Bildkomposition besser einzuschätzen. Aber dann – so viele störende Element im Bild. Und dann auch noch ich, der an diesem weißen Betonpfeiler oder jenem Weinblatt das unmotiviert ins Bild hängt etwas auszusetzen hat. 

Die Lösung – ganz einfach

Die Lösung ist eigentlich sehr banal. Konzentriere dich auf die Technik, die muß sitzen. So wie meine Teilnehmer das getan haben. Wähle einen möglich weitwinkeligen Ausschnitt und präge dir ein was DU in dem Moment siehst in dem du abdrückst. Erinnere dich an Farben, an Stimmungen. Denn das alles wird dir helfen, das Bild zu einem Meisterwerk zu entwickeln.

Direkt in der Kamera schon perfekt. Geht natürlich! Sinnvoll? Natürlich! Aber nicht notwendig. Denn solange dein Foto technisch perfekt und halbwegs gut belichtet ist (tendenziell unterbelichtet, was bei diesen Lichtverhältnissen einfach ist) wirst du in Lightroom – also in der Nachbearbeitung dein blaues Wunder erleben – und das gleich doppelt 😉

Jetzt bloß nicht verzweifeln!

Das erste blaue Wunder ist nicht schön… Da heißt es stark sein 😉 Denn die RAW Dateien aus der Kamera sind – um es vorsichtig auszudrücken – nicht schön. Gar nicht schön. Da denkt man sehnsüchtig an die Schmetterlinge, die wir beim Photowalk Makrofotografie abgelichtet haben. Diese Fotos sind schon als RAWs unglaublich…

Aber spätestens wenn du den Tiefenregler in Lightroom nach rechts gezogen hast kommt das zweite – sehr sehr positive – blaue Wunder. Jetzt noch Klarheit, Dunst entfernen, Dynamik und ein paar andere Regler eingestellt, Einen linearen Verlaufsfilter über den Himmel gezogen, die Farbtemperatur Richtung blau, einen radialen Verlaufsfilter großzügig über den Horizont und die Temperatur gegen Gelb ziehen – und schon ist es da – DEIN Foto vom Sonnenuntergang.

(C) Andrea Fuchs

Und um es in den Worten einer meiner Teilnehmerinnen zu sagen: „Wenn ich mein Foto unentwickelt anschaue, hab ich geglaubt, ich war woanders…“

In diesem Sinne kann ich nur sagen, auch wenn du denkst, dass mit der Sonne auch deine Hoffnungen auf ein tolles Foto untergegangen sind – warte, bis Lightroom dir das Gegenteil beweißt! Und nicht vergessen…

5 tolle Fotos vom Sonnenuntergang sind eine richtig gute Ausbeute!

Christian

4 Gedanken zu “…manchmal geht nicht nur die Sonne unter”

    • Lieber Thomas, vielen Dank für deinen Kommentar! Ich freu mich, dass dir mein Beitrag gefällt!
      Ich find das jedesmal aufs Neue unglaublich spannend, auch wenn man zwischendurch seine Kamera am liebsten gegen ein Glas Wein eintauschen würde 😂😂😂

  • Christian, genau so war es !! Mit Eintausch gegen „ein“ Glas Wein wärs nicht getan gewesen, das hätt schon ein bisserl mehr sein müssen 🙂
    Beim Hochladen der raws wär der nächste Wein fällg gewesen …..
    ABER: mit ein bissl schrauben an den Lightroom-Reglern schauts ja doch a bissl nach was aus. Phu, Glück ghabt !!
    Vielen Dank für deine immer vorhandene Geduld, Hilfestellung und Motivation! Du hilfst mir immer wieder aus meinen fotogafischen Verzweiflungen (und die sind manchmal wirklich ordentlch)
    Karin K.

    • Liebe Karin, du weißt, ich steh immer gern für Fragen zur Verfügung! Und nachdem ich Experte in „fotografischer Verzweiflung“ bin (jahrelanges Training) kann ich mich da immer ganz gut in deine Situation versetzen… Ich dank dir für deinen Kommentar und deinen Einsatz bei den Photowalks – macht immer richtig viel Spaß mit dir – und deine Ergebnisse können sich definitiv immer sehen lassen!

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